172.2026: Das Übliche

Ich habe keine Ahnung, ob das irgendjemanden interessiert.

 

Uff, das war ein Sonntag, wie er im Buche steht. Gaaaaaaaanz langsaaaaaaaam bin ich in den Tag gestartet, mit ausreichend Kaffee. Vor einer Kladde saß ich und fischte nach Ideen, leider ohne Erfolg. Kurz überlegte ich, mir – völlig abweichend von meinen Routinen – ein Mittagsmahl zuzubereiten, aber nein, zuviel Aufwand und zu warm. Außerdem esse ich nur einmal am Tag, seit Jahren, und mache da nur sehr, sehr selten eine Ausnahme (z. B. wenn ich bei meiner Mutter bin).

Am frühen Nachmittag war ich beim Training der Ritterschaft; ab und an muß Organisatorisches im direkten Austausch geklärt werden. Die beiden nächsten Wochen werden etwas anstrengend für mich (und da ist auch viel Schönes dabei). Und auch für den September ist schonmal einiges angestoßen.

Und danach? In paar Seiten gelesen, weiter nach Ideen gefischt, diesen und jenen Handgriff getan. Wie das wohl in jedem Haushalt passiert an einem Sonntag. Einige Bücher habe ich umgestellt. Wieder gelesen (Scheiße, fällt mir der „Dialog mit meinem Urenkel” gerade schwer) und dabei ein paar Stichworte in meine Kladde geschrieben. Dann saß ich mit einem anderen Buch eine knappe Stunde in meiner Badewanne, doch ich habe nicht sehr viel gelesen in dieser Zeit. Auf einmal waren jedenfalls die sechzig Minuten um …

Gerade bin ich mit dem heutigen Abendessen fertiggeworden. Ich hatte noch zwei aufgetaute Bratwürste. Und morgen werde ich es wohl endlich schaffen, mein Gefrierfach abzutauen. Im Moment sind nämlich alle Kühlakkus dort drin, die meine Kühlbox für ein paar Stunden hoffentlich kalt genug halten werden. Wenn nicht, muß ich allerdings 2 kg Rosenkohl, 1 l Nudelsoße, diverse Bratwürste und Geflügelteile schnellstmöglich aufessen.

Und wenn ich diesen Beitrag gleich fertighabe, dann werde ich noch ein wenig lesen, etwas Entspannendes lesen. Ihr seht, ein ganz normaler Sonntag, wie immer bei mir, wenn ich nicht auf einem Markt bin.

 

Erinnerung des Tages:
Irgendwann um 1983/84 herum endete in meiner Herkunftsfamile das Zeitalter des „Sonntagsbratens” (Gulasch, Roulade, Braten, Geflügel usw. usf.).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 02.08.2026 mein eigenes Tempo, die geklärte Organisation, die Zeit in der Wanne.


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171.2026: Inspiriert

Beim Lesen war diese Idee ganz plötzlich da: Herr Kreidl.

 

 

Das sitzt er ja schon wieder, dieser Typ. Sieh Dir den doch mal an! Möchte wirklich wissen, was der da immer in dieses Notizbuch schreibt. Vorhin, vorhin hab ich gesehen, wie er was ziemlich heftig durchgestrichen hat. Selbst dabei blieb dieses seltsame Lächeln oder Grinsen in seinem Gesicht. Sitzt immer da drüben, so halb im Schatten auf dieser Bank. Letztens hat's geregnet, da saß der mit einem Schirm dort. Ach, und gestern: Da war er schon losge­gan­gen, sehr wahrscheinlich nach Hause, denn der wohnt ja gleich da hinten in dem grauen Haus, also da war der schon losgegangen – mir fällt bestimmt auch sein Name gleich wieder ein, denn der Typ hat sich mir mal vorgestellt – schon losgegangen also. Und dann hopst ein Kind direkt vor ihm übern Weg und winkt ihm zu. Da bleibt der stehen, holt sein Notizbuch raus, schlägt es auf und schreibt was rein. Hey, das war nur ein Kind, und es hat feundlich gewunken. Was gibt es da zu notieren, frag ich mich? — Ach ja, jetzt weiß ichs wieder: Der Typ mit dem Notizbuch heißt Kreidl. Und dann ging er weiter, der feine Herr Kreidl … Ist schon ein arg sonderbarer Typ, oder?

 

 

Die Idee – ich gestehe es gern – habe ich mir sozusagen geborgt. Denn der Herr Kreidl ist eine literarische Figur, die ich im Fediversum fand (ja, im Fediversum, nicht in Mastodon, denn ich nutze SharKey). Ganz konkret war es diese Notiz aus #KreidlsNotizbuch. Leider, leider wird auch sie nach einer kurzen Zeit automatisch gelöscht werden (zur Dokumentation habe ich mir einen Screenshot davon angefertigt). Schade, daß diese Perlen der Welt nicht wirklich erhalten bleiben – doch so hat Carl Klopse es nunmal eingerichtet. Ich danke ihm für die schöne Inspiration.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Elf Bücher stellte ich ins Öffentliche Bücherregal, eines (Oh mein Gott, wieso hatte ich das? Kann sein, daß es mal meiner schrulligen Großtante gehörte.) warf ich ins Altpapier.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 01.08.2026 der Regen in der Nacht und am Morgen, sehr preiswerte Weintrauben, ein Softeis unterwegs.


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170.2026: Drauf hören

Beinahe Alltag war das, aber eben doch nicht ganz.

 

Heute früh wollte ich einfach nicht aufstehen. Ich wollte liegenbleiben im Luftstrom meiner Ventilatoren. Also nahm ich mein Buch und versuchte zu lesen. Nein, nein, das funktionierte nicht, nicht mit diesem Buch. Ein anderes (wissenschaftliche Phan­tastik) paßte auch nicht und ein drittes wollte ich nicht erst versuchen. Ich stand auf, machte Kaffee, saß vorm Rechner. Wieder ist es (noch immer) viel zu schwül für mich. Und dazu kam schon nach kurzer Zeit ein sonderbares, ungutes Bauchgefühl, das mich an die Depression erinnert.

Kann ich grad wirklich nicht brauchen.

Also: Soll ich auf dieses Bauchgefühl hören?

Nein. Mach ich nicht, entschied ich. Also ließ ich die Waschmaschine laufen, konnte dabei diesen und jenen Handgriff erledigen. Eine Kiste voller Papier hernehmen und versuchen, gnadenlos auszusortieren. Damit kam ich nicht so recht voran. Na klar, das war ja zu erwarten bei diesem unguten Gefühl. Nein! So nicht! Das wäre dann der Weg hinunter, da will ich nicht hin. Wo ist jetzt das passende Geländer?

Rausgehen. Heute auch. Die Vorbereitungen dauern länger, wenn ich ein so ungutes Gefühl habe, gegen das ich ja handeln muß und will. Aber ich schaffe es irgendwann. Ich steige in den Bus, in eine Funkenkutsche, in eine zweite. Gehe zu einem Öffent­lichen Bücherregal, das ich nur selten besuche, weil andere leichter erreichbar sind für mich. Vier gelesene Bücher hatte ich mitgenommen, die ich dort zurücklasse. Andere Straßenbahn, umsteigen, weiterfahren. Etwas im Vorbeifahren am Straßen­rand gesehen und überlegt, ob ich aussteige und mir diese „Zu-Verschenken”-Kiste ansehe. Nein, ich hab sowieso zuviel Krempel, von dem ich mich trennen muß, aber oft nicht trennen kann. Woanders aussteigen, Wege und Straßen entlanggehen. Einige davon hatte ich noch nie unter meinen Füßen. Es ist schwül, das Shirt klebt mir unterm Rucksack auf dem Rücken. Da bin ich an einer Sparkassen-„Filiale” (heute ein reiner Automatenstandort), an dem ich wirklich noch nie Geld abgehoben habe. Gut, hab ich auch das gleich erledigt.

Heimwärts geht es mit einigen Umwegen. Die neuen TINA sind alle gut klimatisiert, in denen läßt es sich aushalten. Einmal steige ich aus, weil ich eine Toilette brauche (Friedhöfe und Krankenhäuser sind meine Favoriten, oder Verwaltungsgebäude mit freiem Zugang). Dann gehe ich ungeplant noch zu einem Textil-Billigheimer und suche vergeblich nach schwarzen T-Shirts mit V-Ausschnitt in meiner Größe (minde­stens 3XL). Auch in einem anderen dieser Läden werde ich nicht fündig. Vielleicht mache ich mich dann morgen extra deswegen auf. Heute habe ich mich lange genug gegen das ungute Gefühl in meinem Bauch gewehrt, es war nie wirklich weg, aber ich blieb stur.

Um Neun saß ich am Rechner, um Elf war mir klar, daß ich raus muß. Drei Stunden brauchte ich, bis ich etwa um Zwei aus dem Haus gehen konnte. Und kurz nach Sechs war ich wieder zuhause. Alltag bei mir, beinahe Alltag.

 

Knapp 7000 Schritte bei Wetter wie direkt vor einem Gewitter: schwül und leichter Wind, bedeckter Himmel. Nicht ein Tropfen Regen, kein Donner, nichts von 14.00 Uhr bis 19.30 Uhr. Die verwirrenden Zeitformen in diesem Beitrag korrigiere ich nicht.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Vier Bücher ließ ich frei.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 31.07.2026 die klimatisierten TINA, das Imzaumhalten des Bauchgefühls, das Eis gleich nach dem Nachhausekommen.


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169.2026: Aufgefallen

Heute zuhause und unterwegs – was soll das werden?

 

Ups. Ich habe eine (neue?) Marotte. Die fiel mir heute unterwegs und zuhause auf. Sehr deutlich und sehr peinlich und mir durchaus unangenehm.

Welche?

Ich zähle.

Ich zähle Schritte (in Zwanzigergruppen), Handgriffe, Kaffeemühlen­kur­bel­um­dreh­ungen (davon schrieb ich wahrscheinlich schon), Toilettenpapierblätter, gegessene Löffel Suppe, umgeschlichtete Zettel … Es ist unglaublich, wieviel und was ich zähle. Sogar Atemzüge während irgendwelcher Routinehandgriffe.

Ich zähle. Unbegründet. Beinahe schon zwanghaft. Heute fiel's mir sehr deutlich auf. Im Discounter machte ich 412 Atemzüge. Das zu zählen ist doch … Bekloppt! Was reitet mich da?

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Einundzwanzig Stifte sortierte ich aus, und ich warf sie in den Müll.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 30.07.2026 Toast mit Englischer Orangenmarmelade, 4000 Schritte draußen, einige Schnäppchen beim Discounter.


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168.2026: Hilflos

Die Beobachtung einer Person und der verbliebenen Natur.

 

 

Als er auf den Bus wartet, mit dem er spätnachmittags heimfahren will, fängt er aus Langeweile an, die Büsche zu betrachten neben der Haltestelle. Auf einem sonnenbeschienenen Zweig entdeckt er eine kleine grüne Raupe, die sich von einem verwelkenden Blatt zum nächsten biegt. Er fragt sich, ob Raupen auch trinken müssen, oder ob sie ausreichend Flüssigkeit über ihre Nahrung aufnehmen können. Wenn er jetzt einen Tropfen Wasser … Mineralwasser für Raupen? Nein, das ist ihm zu fitzelig, und wenn ihn jemand dabei beobachtet … Trotzdem holt er die Flasche aus seinem Rucksack und gießt den in ihr verbliebenen Liter unten an den Busch. Es wird nichts oder nicht viel helfen bei der herrschenden Trockenheit und Hitze, aber jetzt ist wenigstens sein Rucksack nicht mehr so schwer. Er hofft auf Regen, auf ausreichend Regen. Die Raupe soll doch nicht verdursten oder verhungern. Es muß ja etwas aus ihr werden.

 

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Eine Einkaufstasche voller Bücher und CDs brachte ich in ein Öffentliches Bücherregal.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 29.07.2026 Aufgeschriebenes, abgegebene Pfandflaschen, ein großes Softeis Schoko-Sahne.


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167.2026: Faszinierend

Wie nicht veränderte Sprache sich verändert.

 

Ich lese gerade Jürgen Kuczynski: Dialog mit meinem Urenkel. Nicht zum ersten Mal, beileibe nicht. Aber: Diesmal tu ich mich sehr, sehr schwer damit.

Kuczynskis Sprache in diesem Buch hat sich in all den Jahren, die ich es besitze, nicht verändert. Sie steht da noch so, wie sie 1986 beim Erscheinen des Buches im Aufbau-Verlag stand. Und es wurde meines Wissens nach auch in dieser 7. Auflage nicht ein Wort verändert im Vergleich zur Erstausgabe von 1983. Dennoch erscheint sie mir vollkommen verändert. Was sich verändert hat, ist die Welt (und meiner Meinung nach tat sie das nicht nur zum Besseren); mir fehlt, was ich damals beim Lesen noch hatte: Zuversicht und Zukunftsgewißheit. Nun, zumindest sind all die eingestan­denen Fehler des Urgroßvaters – auch die, die der Staat DDR seiner Meinung nach gemacht hatte – mittlerweile aufgedeckt, und keiner von ihnen spielt heute noch eine Rolle. Die Geschichte verlief anders als die Zukunft, die uns versprochen war.

Ihr meint, „soetwas” braucht man doch heute nicht mehr lesen? Da bin ich leider anderer Meinung oder zum Glück, doch das ist für alle, die nicht Ich sind, ja sowieso egal. Noch immer bewundere ich jedenfalls, welches Maß an Ehrlichkeit in diesem in der DDR erschienenen Buch zu finden ist (und ja, ich bin mir sicher, daß Teile des Textes im Buch sich von dem des Autors unterscheiden). Ich bin zwar erst vierten Frage („Urgroßvater, warum ist eigentlich aus Dir nie etwas Rechtes geworden?”), ich brauche ungewöhnlich lange für die Seiten, aber ich lese und ich lese weiter bis zum Ende das Buches. Faszinierend, daß ich es gerade mit diesem Buch tu, mit dem jetzt für mich so sperrigen Text.

Das Buch ist bei archive.org zu finden.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Fünf Bücher stellte ich am Nachmittag in den Öffentlichen Bücherschrank und warf einigen Krempel in den Müll.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 28.07.2026 knapp 50 Fotos im kleinen Industriegebiet, zwei mit nach Hause genommene Weihnachtsbücher, einiger wirklich nicht mehr brauch­barer und nun end­lich weggeworfener Krempel aus der Kramschublade.


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166.2026: Illusionen

Mal sehen, ob ich einige seiner Bücher irgendwann finde.

 

Einmal mehr fand ich heute in einem sehr alten Notizbüchlein ein Zitat, zu dem ich mir nicht notiert habe, woher es kommt. Aber ich habe vermerkt, daß es von Horst Drescher Lpz. stammt. Ich vermute, ich schrieb es von einem Kalenderblatt eines Abreißkalenders ab.

 

 
 
Produktionshinweis
 

      Die Produktion von Illusionen ist eine der wichtigsten Produk­tionen; denn ein Volk, das sich keine Illusionen mehr macht, macht verschiedenes anderes auch nicht mehr.

Horst Drescher (∗ 1929 – † 2019)

 

 

Das habe ich 1988/89 notiert, d. h. es wurde von Drescher ganz sicher noch in der DDR geschrieben. Und damals wurde es dort sicher ziemlich anders interpretiert, als es heute interpretiert werden kann oder heute allgemein interpretiert wird.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Beim Weggehen stellte ich sechs von mir nie benutze Saftgläser unten ins Haus.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 27.07.2026 Unterwegssein am Nachmittag, ein längeres Schwätzchen mit einer Nachbarin, die noch erträglichen Temperaturen.



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165.2026: Sommerloch

Was ich so in der ereignisarmen Zeit erlebe.

 

Heute in der Bahn sah ich ihn. Er war für knapp sechs Jahre mein Stiefsohn, bis seine Mutter und ich uns 2006 endgültig trennten. Ein Sonderling war er immer schon. Ab und an hab ich ihn getroffen, manchmal sogar ein Wort mit ihm gewechselt; heute aber …

Er sieht abgerissen aus, sehr ungepflegt, ja: schmutzig. Wie so ein klischeehafter, drogen­süchtiger Mensch ohne festen Wohnsitz. Er riecht unangenehm. Er brabbelte die ganze Zeit vor sich hin, kann sein, daß er sich mit seinen Fingern unterhielt. Hat mich nicht wahrgenommen, selbst dann nicht, als ich ihn grüßte und ihn nach seinem Befinden fragte. Scheint in seine eigene Welt abgetaucht zu sein.

Uff. Danach war ich unterwegs in einem alten Industriegebiet der Stadt. Ich suchte nach einer Möglichkeit, in die längst verlassenen Gebäude hineinzukommen, fand aber keine. Ich war so darauf fixiert, daß ich kein einziges Foto gemacht habe in jenen zwei Stunden. Es zog sich dann zu, ein Wind kam auf, da machte ich mich auf den Heimweg. Am Marktplatz sah ich jenen Kerl noch einmal, sitzend an der Haltestelle, der Mund und die Lippen bewegten sich unentwegt. In der Funken­kutsche konnte ich allerdings nicht hören, ob er wieder oder immernoch brabbelte.

Ich habe wirklich meine Gründe, nicht intensiver nach einem Gespräch mit ihm zu suchen. Aber erschrocken bin ich schon über den Grad und die Art seiner Veränderungen. Ich hoffe, er hat irgendwoher Unterstützung; ich kann sie ihm nicht gewähren.

 

Erinnerung des Tages:
Um die Lost Places strich ich vor Jahren schon einmal, das fiel mir wieder ein, als ich ein ganz bestimmtes Gebäudedetail sah.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 26.07.2026 Toast mit Nudossi, das Unterwegssein ohne „Ergebnis”, Bratwurst und Bier.


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164.2026: Gedankenlos

Habt auch ihr schon über das Nichtdenken nachgedacht?

 

Es gibt etwas, das ich zu meinen besonderen Fähigkeiten zähle: Bin ich unterwegs, so kann ich meine Gedanken fallenlassen, loslassen – ich gehe dann gedankenlos einen Weg, den ich nicht plante und an den ich mich nur schwer erinnere. Na gut, es gäbe technische Hilfsmittel, eine Streckenaufzeichnung z. B., aber auch die hält keine Erinnerung fest. Doch will ich das wirklich?

Auf einem gedankenlosen Weg kann ich mich auf das Fühlen konzentrieren, auf das, was ich im Moment spüre. Darüber muß ich nicht nachdenken, es reicht, einfach zu sein. Ha! Einfach! Ehrlich, so einfach ist das für mich nun auch nicht: Ich bin schon sehr verkopft im Alltag, denke viel und zerdenke noch immer dies und das. Aber wenn es mir dann doch gelingt, die Gedanken loszulassen, so erlebe ich besondere Momente, zu deren Beschreibung keine oder nur wenige, dann aber unzureichende Worte gibt.

Und ich bin damit nicht allein:

 

 

Einen Weg zu beschreiben, den man ohne Gedanken geht, ist nahezu unmöglich, da man die Dinge nur noch ungefiltert und ohne sie zu bewerten wahrnimmt. Und wertfreies Wahrnehmen läßt sich später kaum formulieren.

Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg. S.236 f.
Ungekürzte Taschenbuchausgabe, 8. Auflage 2010
© 2006 Piper Verlag GmbH, München. ISBN 978-3-492-25175-4

 

 

Seit einigen Tagen beschäftigt mich die Frage, ob das oben Geschriebene auch für Wege gilt, welche ich nicht physisch, auf meinem Füßen, gegangen bin oder gehe. Also ob ich auch gewisse Entwicklungen in meinem Inneren gedankelos durchlief oder durchlaufe. Jajaja, das geht ja gar nicht, das Denken einfach auszuschalten … Nun, ich kenne mindestens zwei Zustände, in denen ich nicht denke: den Schlaf und den Orgasmus. Die sind aber gewiß nicht die einzigen wirklich gedankenlosen Phasen. Vielleicht habe ich andere nur nicht bemerkt, weil ich in diesen Momenten nicht dachte.

Und dann hinterher so etwas mit Worten zu beschreiben – ich habe ja schon Schwierigkeiten, mich jetzt klar auszudrücken.

 

Erinnerung des Tages:
Ich fuhr heute am Bahnhof Muldenstein vorbei und erkannte das Gelände – in welchem Jahr ich dort war, muß ich noch herausfinden.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 25.07.2026 das späte Aufstehen, mein dann doch zielloses Unterwegssein mit den S-Bahnen, viel Salat zum Abendessen.


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163.2026: Eintopf

Oder Suppe? Egal, Hauptsache lecker für mich.

 

Das soll ja ein Essen sein, daß dem Herbst und dem Winter vorbehalten ist: Eintopf. Nun, ich kann das immer essen. Außerdem: In der Familie, in der ich aufwuchs und essen und kochen lernte, waren Eintopf und Suppe ziemlich synonym in Gebrauch: Es gab Gemüseeintopf, Nudeleintopf, Bohneneintopf, Linseneintopf, Weißkraut­ein­topf, Graupeneintopf, Reiseintopf usw. usf., die oft eine entsprechende Suppe waren. Dennoch schmeckte es immer, gleich unter welchem Namen. Nur Kartoffelsuppe war immer Kartoffelsuppe, selbst wenn da nichtpürierte Kartoffelwürfel drinwaren. Und bei Lauchsuppe war das auch so.

Den Unterschied zwischen beidem wußte ich sogar – aber er war mir immer egal und ist es noch. Auch in der Eierflockensuppe waren ja unpürierte Gemüse und zumeist Suppennudeln als Einlage dabei.

Bei mir muß beleibe nicht in jedem Eintopf, in jeder Suppe Fleich oder Wurst sein, ich eß auch vegetarische oder gar vegane Suppen. Mein schneller Linseneintopf zum Beispiel: ein Pfund Linsen garen, ein Pfund Weinsauerkraut dazu, würzen und abschmecken, fertig. Kartoffelsuppe? Läßt sich wunderbar aus diesen Kartoffel­flocken für Kartoffelbrei und Gemüsebrühepulver zubereiten; noch ein Döschen Möhren und Erbsen dazu: lecker.

Natürlich kann ich das alles auch aus frischen Zutaten kochen, kann Letscho und Gemüsebrühe selbst machen. Beim Sauerkraut allerdings greif ich auf das käufliche zurück. Und wenn es – nicht so wie gestern – etwas schneller gehen soll, dann nehm ich halt fertiges Zeugs …

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Drei wirklich nicht mehr schöne Tupperschüsseln wanderten in den Müll; aber ich brauche Ersatz.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 24.07.2026 die erledigten Einkäufe, angesehene Fotos, auf meinem Fensterbrett fressende Tauben.


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