132.2026: Kunst

Ein bemerkenswerter, unvergessener Satz eines Lehrers.

 

 

Braucht es immer ein vollständiges Bild? Mein Kunstlehrer (zu DDR-Zeiten) sagte mal:

»Die Kunst des Malers besteht im Weglassen des nicht Notwendigen.«

Der Mann soff sich vor Sehnsucht tot. Auch ein Weg, Mauern zu überwinden …

 

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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131.2026: Urlaubslyrik

Solange es aber nicht auch noch schwül ist …

 

 

Sonnenschirmschatten
Warmer Sand ohne Ende
Saharaurlaub

Es fehlen Wellenrauschen
und ein salziger Wind

Ein Tanka.

 

 

Oh weh, wenn ich an das vorhergesagte Wetter für die nächsten Tage nur denke: Schweiß rinnt an mir hinab.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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130.2026: Geglättet

Ein Satz aus einem nicht so ganz fremden Tagebuch.

 

 

Die Erinnerung glättet die Vergangenheit, verschließt die offenen Wunden – und daher scheinen in der Erinnerung so viele Momente vollständig und unversehrt, als sei nichts Böses geschehen (aber so war es eben nicht).

 

 

Vor über 40 Jahren schrieb Tante Erdmute diesen Satz in ihr Tagebuch. Ich denke seit einiger Zeit darüber nach, ob er vielleicht auch ohne den Teil in Klammern stimmen kann.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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129.2026: Zwickmühle

Diese verdammt unruhige Faulheit – ich versteh sie nicht.

 

Sonntag. Langsam hab ich ihn begonnen, gegen Neun. Aber …

Ich hatte irgendwie keine Ruhe und Hummeln im Hintern. Doch ich konnte mich zu nichts aufraffen. Zu gar nichts. Ja, eine Festplatte habe ich kopiert, eine in einem alten Notebook. Ich werde mir die Daten nochmal ansehen, mit denen im aktuellen Hauptrechner vergleichen und dann wohl löschen. Und irgendwann das alte Note­book zerlegen und bis auf RAM, Festplatte und DVD-Laufwerk entsorgen müssen. Weitergeben kann ich das Ding nicht, der Akku ist nicht wechselbar und tot.

Ich habe zu schreiben versucht. Das leere Blatt in der Kladde blieb leer; selbst auf den bereitliegenden Schmierzetteln änderte sich nichts. Und die alten Texte, die ich noch immer weiterführen möchte, inspirierten mich auch zu keinem einzigen Satz. Und die Unruhe blieb. Die Unzufriedenheit wuchs. Ich packte die Kamera in den Rucksack, eine Flasche Wasser. Dann machte ich mich auf den Weg. Wollte eine Runde durch die Stadt drehen. Es dauerte, bis die Unruhe über die Faulheit Lust­losigkeit siegte …

Als ich am Hauptbahnhof ankam, begann es zu regnen. Mist. Zum Rumstreunern war mir das zu naß. Ich blieb ein Weilchen im Bahnhof, die Kamera aber blieb im Ruck­sack. Hmpf. Aus dem Gang durch die Stadt wurde dann eben nur eine Straßen­bahnrundfahrt. Ich sah mir die Stadt an durch die regennassen Scheiben. Wartete an zwei Endhaltestellen jeweils 20 min auf die nächste Funkenkutsche. Aber auch da sah ich nichts, was ich hätte fotografieren wollen.

Nun ja. Kein Bild. Aber die Rundfahrt half gegen die Hummeln im Arsch. Jetzt setz ich mich hin und seh mir die alten Daten an, ich verschaffe mir zumindest einen groben Überblick. Ob ich etwas Besonderes finde?

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

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128.2026: Spätabends

In der Erinnerung an ihre frühere Karriere.

 

 

Eine Flasche noch. Eine ganze. So wie früher, als es noch jeden Tag notwendig war, bis zu drei Mal täglich.

Nur einen Unterschied macht sie zu früher. Es sind nicht mehr 0,7 Liter, die sie trinkt. Früher ging das auf ex; heute läßt sie sich Zeit dafür. Wirkungstrinken, darin war sie geübt. Doch sie hat damit vor 20 Jahren aufgehört.

Sie setzt wieder an. Und nimmt noch einen großen Schluck. Ah! Wie das durch ihren Hals rinnt! Und es bleibt nur noch ein weiterer Schluck in der Wasserflasche, ein Schluck von einem halben Liter. Ja, es ist teurer als in größeren Flaschen, aber das ist zu ihrem Prinzip geworden: Mehr als 0,5 l darf keine Flasche haben, aus der sie trinkt. Und heute genehmigt sie sich auch mehr als drei Flaschen am Tag.

 

 

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127.2026: Vier Stühle

Am Morgen danach erklärt sich noch immer nicht alles.

 

 

Die Nacht war verdammt kurz. Beim Kaffee auf der Terasse, unterm Dach vorm Regen geschützt, schwiegen die drei sehr lange. Und an der Feuerschale standen noch immer vier Stühle.

Alle drei hingen ihren Gedanken nach. Aber keiner von ihnen wollte als erster das Wort ergreifen. Denn noch immer waren sie alle beschäftigt mit der Nachricht, die sie am Abend erhielten. Die Nachricht, die den leeren Stuhl erklären könnte. Wenn sie nicht so unwirklich gewesen wäre, wie sie es noch immer ist. Dann gehen sie los und räumen auf, sammeln die Flaschen ein, nehmen die Asche aus der Feuerschale. Alles hat seinen Platz, auch dann, wenn es nicht mehr brauchbar ist. Und genau das denken sie auch über den vierten Stuhl. In Zukunft ist der ja überflüssig, unnötig.

Sie waren alle knapp Sechzig, alle vier. Hatten sich vorgestellt, in den noch verbleibenden Jahren dies und jenes zu unternehmen, zusammen, zu viert. Die Pläne waren groß, versprachen Spaß ohne Ende und wären nicht allzu kostspielig gewesen. Rügen, Litauen, Spreewald, Klagenfurt, Elend, Sorge und Klingenthal wollten sie besuchen. Ja, und die Landeskrone. Ha, Schwalbengeschwader. Der bekloppte Name für ihr Quartett. Der wurde auch gestern genannt. Neben dem Vito, der die Vorfahrt nicht beachtete. Ein Unfall, eine Tote, vier Stunden Vollsperrung.

Deshalb blieb der vierte Stuhl leer. Deshalb waren sie wortkarg.

Noch immer wissen sie nicht, wie sie mit einem solchen Verlust umgehen sollen. Vier Stühle, und nur noch drei Lebende.

 

 

Es begann mit diesem Text: Gespräch – Mit diesem Wortwechsel ist wirklich alles geklärt. Und nach fünf Jahren geht es damit weiter.

 

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126.2026: Rübergeholt

Ich habe ja mehrererere Blogs. Den da auch.

 

Vor einem knappen Jahr packte mich am Abend einmal mehr dieses Reim-Dich-oder-ich-freß-Dich-Virus. Und so veröffentlichte ich woanders im Juli 2025 folgenden kleinen Spaß:

 

 
Klischee
 

Hinaus aus der Stadt mit der Eisenbahn:
So frönen hier Leute dem Reisewahn.
Ganz anders die Menschen in Flandern:
Die wandern.

Zuerst in meinem Writefreely-Blog veröffentlicht am 28. Juli 2025

 

 

Und nein: Ich habe bisher kein weiteres solches Gedicht zu anderen Gegenden verfassen können.

 

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Der Emil


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125.2026: Sprache und Realität

Viel allgemeiner als nur beim Gendern.

 

Ich fand heute in den Tiefen meiner Dateisysteme so einige Texte, in denen es ums … um … um u. a. dieses Thema ging. Ich fand dann auch noch eine Passage dazu in einem meiner eigenen Blogartikel: Sprache schafft Realität. Dann fiel mir auch so manches aus Physik und Philosophie dazu ein. Ich saß und dachte und kritzelte Worte aufs Papier:

 

 

Die Relität existiert unabhängig von jeder Sprache, die sie zu beschreiben versucht – allerdings verändert die Sprache unseren Blick darauf, unser Verständnis der Realität. Kurz: Sprache macht aus der objektiven Realität für jede und jeden und jedes von uns eine subjektive, zutiefst persönliche Realität. Das finde ich ganz gut so.

 

 

Sprache verändert die subjektive Realität. Die und zuvörderst nur die. Wenn aber die subjektive Realität vieler Menschen sich sehr ähnlich verändert: Was dann? Auf diese Frage fand ich heute keine Antwort.

 

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124.2026: Abendgedanke

Natürlich gibt es einen Anlaß für genau diesen.

 

Es sollte zum Allgemeinwissen gehören: Die einzige Möglichkeit, wirklich lange zu leben, ist es, wirklich auch lange alt und sehr alt zu sein. Ja! Mit all den Zipperlein, all den Erfahrungen, in Dankbarkeit, mit Gelassenheit und Zufriedenheit am besten und mit Neugier – aber alt sein möchte heutzutage kaum noch wer, alle wollen nur noch möglichst alt werden. Oder?

Da fällt mir ein: Ab wann haltet ihr Menschen für „alt”; ab wann habt ihr euch selbst alt gefühlt?

 

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Der Emil


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123.2026: Bitterhonig

Aus einem heute weggegebenen Buch.

 

Ich habe es wohl irgendwann aus einem Öffentlichen Bücherregal mitgenommen, dieses gerade einmal 100seitige Lyrikbändchen, und sicher nur wegen seines Titels: Bitterhonig & der Klang des Taumelns (veröffentlicht bei Avantpop, einem Musik-Label). Die beiden Autoren Bird Berlin und Krupski legten damit 2015 ein Buch vor, das mich ob seiner Vielfalt alles in allem ziemlich verwirrte. Nach ein paar Jahren in meinem Bücherregal habe ich es heute mit einigen anderen Werken wieder in ein Öffentliches Bücherregal gebracht.

Ein Gedicht daraus – eines vom Texter u. a. für die Postpunk-Band „Schubsen” – zeige ich euch jetzt:

 

 
Parole Rhythmus
Krupski (Robert Krupar, ∗ 1984)

Vorangeschrittene Stunde
zu festem Termin.
Vertraute Gefährten
am kaputten Kamin.
Glorreiche Zeiten
und neue Blessuren.
Parole Rhythmus
hinterlässt seine Spuren.

Vergiftete Drinks
mit reichlich Vitamin.
Wechselwirkungen
nach verabreichter Medizin.
Danach strauchelt
der gekämmte Otto
durch die Agenturen,
nicht nur im Spiegel
grinsen die Karikaturen.

Aus: Bird Berlin & Krupski: Bitterhonig & der Klang des Taumelns. S. 52
1. Auflage 2015. © Avantpop Nürnberg
(Website von Label und Bookingagentur für Musik und Kunst [Selbstbezeichnung])

 

 

Ich weiß noch, wie ich ziemlich lange saß und es las und es mir auch laut vorlas – und doch fand ich nicht heraus, was genau an diesem Gedicht mich störte: Da war etwas, doch ich konnte es nicht erfassen. (Heute weiß ich es, na klar, es ist ja dann doch offensichtlich, nicht wahr?)

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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